Wildbahnfähigkeit
Was heißt eigentlich Wildbahnfähigkeit?
Ein wichtiges Thema rund um die Greifvogelpflege ist die Wildbahnfähigkeit nach erfolgter Pflege in Gefangenschaft.
Greifvögel sind aufgrund ihrer Lebensweise besonders hoch spezialisierte Vögel. Zu diesen Spezialisierungen gehört zunächst einmal das Gefieder, welches nur in einem vollständigen und unversehrten Zustand das Überleben in freier Wildbahn sichern kann. Greifvögel sind geschickte Flieger, die bei der Jagd Spitzenflugleistungen erbringen. Hier sind besonders die Wanderfalken hervorzuheben, welche maximale Sturzfluggeschwindigkeiten von 280 bis 300 km/h erreichen können. Hierzu gibt es auf Youtube ein sehenswertes Kurzvideo (1:20min) >
eleganter Flug eines Turmfalkenweibchens
Habichte und Sperber sind wiederum wendige Flugkünstler im bewaldeten Lebensraum. Zugvögel wie z. B. Wespenbussarde, Baumfalken und Wiesenweihen benötigen eine sehr gute Kondition für weite Strecken. Eulen und Käuze sind mit ihrem speziellen Aufbau ihrer Federn befähigt, geräuschlos zu fliegen.
Zu den wichtigsten Körperteilen gehören die Füße, die auch Fänge genannt werden. Mit ihren kräftigen Fängen erlegen die Greifvögel ihre Beutetiere. Da diese Beutetiere sehr unterschiedlich groß sind, findet man beim Aufbau der Greifvogelfüße eine entsprechend große Variationsbreite mit gezielten Anpassungen.
Fang eines Habichtweibes
Beim Habicht sind die Fänge auffallend stark entwickelt. Beim fast gleichgroßen Mäusebussard sind diese aber wesentlich schwächer ausgebildet. Der kleine Sperber hat außergewöhnlich lange filigrane Beine und dünne Zehen mit nadelspitzen Krallen. Besonders lange Zehen eignen sich sehr gut zum weiten Umfassen der Beute und deuten darauf hin, dass die betreffende Art häufig fliegende Tiere fängt (dies trifft z. B. auf den Wanderfalken, Habicht und Sperber zu). Bussarde, Adler, Weihen, Milane usw. sind vornehmlich Grifftöter, sie töten ihre Beute durch kräftiges Zupacken und kneten diese mit den Fängen. Die Fänge müssen also beim Greifvogel völlig einwandfrei funktionieren, damit er erfolgreich jagen kann.
Als weitere Hochleitungsorgane sind die Augen zu nennen. Greifvögel und Eulen haben große Augen, mit denen sie Objekte und vor allem Beutetiere in Entfernungen von 700 bis 1000 Metern (!) noch sehen können. Die Augen sind um ein vielfaches lichtempfindlicher als menschliche Augen.
scharfer Blick eines Habichts
Bei einigen Greifvögeln wurde sogar festgestellt, dass sie dazu fähig sind, im UV-Bereich des Spektrums zu sehen. Sie können Kot- und Urinspuren von Kleinnagern erkennen und wissen somit, wo am wahrscheinlichsten Beute zu finden ist. Eulen und Käuze haben riesengroße Augen im Verhältnis zu ihrem Schädel. Diese sind besonders lichtempfindlich, was das Jagen in der Dämmerung und nachts gut ermöglicht. Hierzu ein Kurzvideo (2:20 min.) von verschiedenen Eulenarten und ihrer Flug- und Jagdkünste >
Spätestens jetzt wird einem bewusst, dass wir es hier mit zu extremen zu Hochleistungen befähigten Spezialisten zu tun haben. Nur bei 100%iger Leistungsfähigkeit haben Greifvögel realistische Überlebenschancen in der freien Natur. Denn die Natur kennt als Überlebensfaktor nur 100 Prozent.
FAZIT:
Mit defektem Gefieder kann der Vogel nicht richtig fliegen und jagen, mit verletzten Augen kann der Vogel seine Beute nicht erkennen, mit kaputten Füßen kann er seine Beute nicht richtig ergreifen und töten. Mit verletzten Flügeln kann er nicht fliegen und somit auch nicht jagen. Er würde verhungern. Der Greifvogel ist ein durch und durch perfekter Vogel, der alle Eigenschaften benötigt, um zu überleben.
Grundsatz Tierschutz
Das Ziel jeder Behandlung sollte bei erkrankten Wildvögeln die Wiederherstellung der Wildbahnfähigkeit sein. Welche Anforderungen hier an den Vogel gestellt werden, habe ich im vorherigen Text beschrieben. Ist abschätzbar, dass dieses Ziel nicht erreicht wird, muss der Patient aus Tierschutzgründen schmerzlos eingeschläfert werden. Er darf nicht den Rest seines Lebens als Dauerpflegefall in einer Auffangstation oder zoologischen Einrichtung fristen, als lebender Beweis für falsch verstandene Tierliebe.



